Jürgen Tapprich; Holzgasse 19; CH 8942 Oberrieden/Zürich; Tel./Fax: +41 44 720 96 71; E-Mail: tapprich@jueta.ch

John C. Lilly: “Das tiefe Selbst”

Der Biocomputer des Menschen ist jeden Tag fleißig am Arbeiten. Er programmiert, wird programmiert, sucht alles, was unterdessen nötig ist. Die einzige wirkliche Ruhepause, die man hat, ist, sich abends ins Bett zu legen und zu schlafen. Dort kann man all das beiseite lassen und zuweilen in ganz andere Sphären von Gedanken, Erfahrungen und Emotionen kommen, die nicht unbedingt zum Alltag und der allgemeinverbindlichen Realität gehören, die größtenteils von unserer Gesellschaft und durch uns, die wir darin aufgehen, programmiert wird. Ähnlichen Abstand gewinnt man, wenn man weiß, wie man meditiert, Autohypnose praktiziert, mit Tag- und Nachtträumen umgehen kann oder so deutlich und klar träumt, als ob man wach wäre und in der fremdartigen und wunderbaren Traumsphäre voll funktionierte.

Gewöhnlich spielt sich alles im Schlafzimmer ab, und in der Nacht, zu einer Zeit, in der die Mitmenschen mit der Übereinkunft leben, dich allein zu lassen und dich, ohne zu stören, tun zu lassen, was du willst. Es gibt mittlerweile zumindest einen weiteren Ort, wo man diese seltene Freiheit hat, das zu denken, zu fühlen, im Inneren zu tun, was man sich selbst und kein anderer für einen aussucht. Ich fand, erfand, entdeckte diesen Ort, wurde als erster dorthin geführt, gelenkt; ich brauchte einen solchen Ort, um mich persönlich erforschen zu können, sowie das Universum, das Göttliche, das Neue und Unerwartete, das, soweit mir bekannt war, niemand vorher gesehen oder programmiert hatte.

Dieser Ort hat verschiedene Namen: Isolationsbox, Flotationstank, Einsamkeit, Frucht-wasserbox, Samadhitank, ein Platz, den man mieten kann, um das Nichts zu suchen und anderes mehr. Als ich 1954 zum ersten Mal in der Stille, Dunkelheit und Nässe des Tanks flotierte und ganz allein war, wurde er für mich nach zehn Stunden die Sphäre von Isolation - Einsamkeit - Abgeschlossenheit - Glückseligkeit - Freiheit. Ich merkte, daß mir niemand glauben würde, wenn ich das so sagen würde. Jeder war immer noch mit Glaubenssystemen verhaftet, denen zufolge das, was ich tat, Angst und Bange machte und daher tunlichst zu vermeiden war. Schließlich handelte es sich doch um sensorische Deprivation. Ich wußte nichts von sensorischer Deprivation. Ich fand, der Tank war und ist eine riesige und reiche Quelle für neue Erfahrungen bzw. “Innenerfahrungen”, wie Franklyn-Merrel Wolff sie nennt. Es wird einem nichts weggenommen; man wird mit etwas belohnt.

Manches, was ich im Lauf der Jahre im Innern erfuhr, war von der allgemeinverbindlichen öffentlichen Meinung und Realität so weit entfernt, daß ich mit meinen Kollegen am National Institute of Mental Health nicht darüber sprach. Meiner Erwartung nach wären sie mit Urteilen wie: “Das sind psychopathologische Anwandlungen: er muß geisteskrank sein”, schnell zur Hand gewesen. Die ersten zwei Jahre behielt ich die Sache für mich und freute mich über das, was ich allein ohne einmischendes Urteil von Außen entdeckte. Ich war glücklich über die grundlegenden Entdeckungen, Enthüllungen und Einsichten und außerirdische Freunde, die ich fand, weil ich sie nicht suchte. Manchmal hatte ich ein solches Glücksgefühl, daß ich versucht war, es mit anderen zu teilen. Jahre zuvor hatte ich erfahren, daß es besser war, mit niemandem über meine psychoanalytische Arbeit zu sprechen: die neuen Ideen und Einsichten verloren beim Erzählen von Ihrer Kraft.

Ich war in der glücklichen und privilegierten Lage, als erster in die Sphären zu kommen, die im Tank möglich sind. Es gab keine Literatur darüber, die meine inneren Erfahrungen programmierte, niemanden, der mehr wußte als ich und mir Ratschläge erteilen oder mir etwas beibringen konnte. Ich war wirklich frei!

 

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© J. Tapprich 2000
last updated: 10. Juli 2003
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